


























Unterwegs mit Beate



























Unsere letzte Etappe mit Anton: Zum Hafen von Ampana. Endlich wieder ans Meer. In aller Frühe verabschieden wir uns von Tentena und unserer schönen Eko-Lodge, denn wir müssen mittags am Hafen von Ampana sein, um auf die Togian Inseln zu kommen. Und es sind wieder ca sechs Stunden Autofahrt.
Zum Archipel gehören 56 größere Inseln (wobei größer teilweise sehr relativ verstanden werden muss) und viele weitere kleine Riffe und Inselchen. Wir haben gehört, dass sie noch ziemlich ursprünglich sein sollen – und das hat uns animiert. Allerdings haben wir keine Ahnung, welche wir auswählen sollten. So ist unsere Wahl eher zufällig auf Una Una gefallen. Kurzfristig haben wir auch ein Zimmer gefunden, das nicht teuer ist und das zu einem Dive Ressort gehört. Und das ist der Trumpf: Ich will endlich wieder tauchen!
Überpünktlich sind wir am Hafen, müssen aber noch ein Stückchen weiter zu einem anderen Anleger fahren, weil der Wasserstand zu niedrig ist für die Boote. Am Tag vorher konnte gar kein Schiff auslaufen wegen zu hoher Wellen. Na, wenigstens scheint es hier Kapitäne mit Verantwortungsgefühl zu geben, die bei unpassenden Wetterbedingungen nicht auslaufen …
Der Hafen entpuppt sich als ein einziger langer Steg, der weit ins Meer hinausführt, da das Wasser auch hier relativ flach ist. Ein Hafengebäude gibt es nicht, nur irgendwelche leicht verfallene Holzhütten, in denen Werkstätten oder was auch immer untergebracht sind. Die nächste Toilette ist in einer Moschee! Aber ich kann sie trotz halb langer Hose und ohne Tuch ungehindert benutzen.
Etwas erstaunt betrachten wir das größere Motorboot, das diese Strecke bedient. Angesichts der Entfernung und der häufigen Wetterwechsel wäre mir europäischem Weichei ein etwas größeres Schiff lieber gewesen. Es warten mittlerweile ziemlich viele Leute auf dem Steg, denn die Vormittagsfähre ist nicht ausgelaufen, da zu wenig Passagiere da waren. Dafür jetzt umso mehr und ziemlich viel Gepäck von Rucksäcken bis Plastiksäcken und Pappkartons – keine Ahnung, wo das alles hin soll …
Das andere Problem (das hier offensichtlich keins ist) ist, dass einer der beiden Motoren erstmal repariert werden muss. Wie gesagt, wer auf die Togians will, muss Abenteuergeist mitbringen. Irgendwann ist es geschafft und es gelingt uns, die ersten Plätze vorn hinter dem Käptn zu ergattern, wo die Bug-Kabine etwas Schutz vor etwaigen Wassermassen und Wind verspricht. Gebrannte Kinder …
Das Boot ist rappelvoll, aber alles geht besser als gedacht, auch wenn es ziemlich viele Wellen gibt und und auch dieses Boot öfter mal hart aufschlägt. Aber der Kapitän versteht sein Handwerk. Nach einer halben Stunde dreht er sich zu uns um und zeigt strahlend aufs Meer vor uns: Mehrere Dutzend Delfine spielen und springen direkt vor und neben uns! Was für ein toller Anblick!
Irgendwann haben wir die Fahrt dann überstanden und steuern zwischen kleinen grünen Felsatollen hindurch auf das kleine Örtchen Wakai auf der Insel Pulau Batudaka zu – Anlauf-und Ausgangspunkt für viele Schiffe zu den weiteren Inseln. Die Stelle, an der wir anlegen, (von Hafen keine Spur) sieht allerdings mehr als ernüchternd aus. Kein richtiger Steg, verrottendende Bretter und Balken sowie reichlich Müll. Irgendwie schaffen wir es, mitsamt unserem Gepäck an Land zu kommen ohne zu fallen.
Am Abend zuvor hatte ich WhatsApp-Kontakt zu unserem Resort auf Una Una. Irgend ein Boot sollte uns abholen. Aber wer und wann?? Alles easy, der Käptn weiß offensichtlich schon von uns und sagt, wir sollen einfach warten. Irgend ein Mensch, der Umur heißt, würde uns nach Una Una ins Pristine Paradise Ressort bringen …
Und tatsächlich: Keine halbe Stunde später legt eins dieser langen, schmalen hölzernen Motorboote an, die wir schon aus Bali kennen. Die eigenartigen Ausleger stabilisieren diese Boote erstaunlich gut auf dem Meer. Auch das Klettern an Bord schaffen wir wieder ohne uns etwas zu brechen. Und ab geht die Post …
Nach ungefähr zweieinhalb Stunden, von denen wir die letzten anderthalb doch etwas nass geworden sind, weil das Meer wieder unruhiger ist, legen wir auf Una Una direkt am Pristine Paradise Ressort an, das unter Palmen und riesigen Mangobäumen direkt am Strand liegt.
Der Empfang ist sehr herzlich, wir bekommen einen kleinen Bungalow in 2. Reihe zum Meer. Man sieht, dass alles mal mit Liebe gebaut wurde , aber 10 Jahre ist das sicher her und seitdem hat nur noch das brutale feuchtheiße Klima daran gearbeitet. Auf Sulawesi muss man ohnehin Europa aus dem Kopf verbannen. Das Bett ist groß und sauber, 20 Meter vor uns glitzert das Meer …
Treffpunkt und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens ist das „Restaurant“ wo drei Mahlzeiten gereicht werden, immer Kaffee und Tee bereitstehen und man sich eben trifft. Telefon und Internet gibt es auf den Togians nur über Satellit. Und das auch nur in den Ressorts – manche lassen die Gäste dafür zahlen. Bei uns ist es gratis. Aber es funktiert nur von 5 pm bis 5 am (also abends bis morgens). Ausnahme ist, wenn der Kompressor für die Sauerstoffflaschen der Taucher angeworfen wird, dann gibt es im Restaurant außer der Reihe Verbindung. Macht schon ein wenig nachdenklich, dass das so ein Thema ist. War noch vor ein paar Jahrzehnten normal, im Urlaub nicht erreichbar zu sein …
Außer uns sind zur Zeit noch vier weitere Gäste da – es ist keine Saison. Das Essen ist für alle gleich, einziger Unterschied: vegetarisch oder nicht. Gegessen wird, gemeinsam mit einer deutschen Teilzeitmitarbeiterin aus Berlin, an einem langen Holztisch, was durchaus die gesellschaftlichen Kontakte fördert. Irgendwie so ein bisschen wie Kommune, ganz lustig, wenn auch das Essen selbst eher langweilig ist. Bier und Cola gibt’s gegen Bezahlung. Die erstaunlich zahlreichen Mitarbeiter sind alle unglaublich freundlich, immer mit einem Lächeln oder Winken. Das ist wichtiger als schicke Bungalows.
Ansonsten ist easy living angesagt, die meiste Zeit liegt man in einer der zahlreichen Hängematten, liest, redet, faulenzt. Ein langes hölzernes Pier führt weit ins Meer raus, denn gleich kurz vor dem Strand beginnt ein wunderschönes Korallenriff, das geschützt werden soll. Daher soll möglichst nicht vom Ufer ins Meer gegangen werden. Ab 17:30 soll schon gar nicht mehr gebadet werden, die Meeres Bewohner brauchen Ruhe und an unserem Strand schlafen nachts die Stachelrochen, die gefährlich werden können.
Nach dem Abendessen tauchen die dive master auf und verkünden die Tauchplätze für den nächsten Tag und erklären, was es da zu sehen gibt und für wen sie geeignet sind. Es gibt drei mögliche Tauchgänge pro Tag. Ich finde es super, dass wir so wenige sind. Ich werde immer einem belgischen Sonderling zugeteilt, der sich aber als nett und sehr erfahren herausstellt. Wir beide dürfen Tieftauchgänge machen, die anderen noch nicht. Ich will hier nicht mit endlosen Taucher-Elogen langweilen, aber soviel sei gesagt: Es werden sehr tolle Tauchgänge bis auf 31 Meter mit einem Hai, Barrakudas, vielen Nemos, den wunderschönen, aber giftigen Skorpionfischen, Seeschlangen, Neonfischen, Meeresschildkröten und unendlich vielen anderen wunderschönen, farbenprächtigen Fischen und großartigen, gesunden Korallenriffen.
Es lohnt sich also auf die Togians zu kommen, um zu tauchen – und übrigens auch nur zu schnorcheln, wie mein Reisegefährte erzählen kann. Ich habe es nachgelesen: Auf den Togians gibt es 819 verschiedene tropische Fischarten, über 540 verschiedene Muscheln und 341 verschiedene Korallen … ein Traum!
Außerhalb des Wassers unternehmen wir nicht viel. Einen Spaziergang in das so genannte Dorf, das eine halbe Stunde Weg von uns entfernt liegt und eigentlich nur aus ein paar entlang der „Straße“ verteilten Häusern, einer Grundschule und natürlich einer Moschee besteht. Es sollte dort einen kleinen Mini-Supermarkt geben. Gefunden haben wir allerdings nur einen maximal 5 Quadratmeter großen Laden mit vergammeltem Gemüse, Zigaretten, ein paar undefinierbaren Tütchen und Fläschchen …
Die Straße ist eher ein abenteuerlicher Lehm-, Gras und Schotterweg, auf dem uns oft mit ganzen Familien besetzte Motorräder mit ausnehmend freundlichen Menschen, friedliche Hunde oder freundliche Kühe begegnen. Die Insel ist von hohen Bäumen, dichtem Grün und Kokospalmen bewachsen. Es gibt außerdem einen aktiven Vulkan, der das letzte Mal in den 80ern des letzten Jahrhunderts ausgebrochen ist und der immer noch aktiv ist.
Eigentlich wollten wir zusammen eine Vulkan Tour machen. Aber mein Dive Master findet das für mich nicht cool, nach so viel tiefen Tauchgängen. Also muss der amtierende Schnorchler allein los. Für diese Tour wird man von örtlichen Guides mit einem geländegängigen Motorrad abgeholt, oben angekommen, begleitet er seinen Kunden auf den Krater.
Gut, dass du nicht mitgekommen bist, heißt es später – die Motorradfahrt wäre zu viel für dich, wild am Strand entlang und einen unsäglichen Weg zum Vulkan Gunung Colo hoch. Oben muss man das letzte Stück laufen und sogar ein kleines Stück an einem Seil am Felsen hochklettern – und das bei der Hitze oben vom Vulkan.
Ich faulenzen also derweil in der Hängematte, schreibe und schaue zu, wie die Wellen an den Strand liefen. Wir sind am zweiten Tag auf unseren Wunsch in einen noch älteren Bungalow umgezogen, der aber direkt am Meer steht. Toll, in der Hängematte (oder nachts im Bett) beim Plätschern des Meeres einzuschlafen und aufzuwachen…
Vier entspannte Tage Una Una, irgendwie wie 4 Tage aus der Zeit gefallen. Nächstes Ziel: Tomohon im Norden.
Der Wecker klingelt gefühlt mitten in der Nacht – um fünf. Aber wir haben einen weiten Weg vor uns, bis nach Tentena. Die Sonne geht gerade in grell orange mit dunklen Wolkenstreifen über den Reisfeldern auf: Bye bye Tana Toraja.
Unsere Reise führt noch ein paar Stunden durchs Toraja-Land nach Westen bis nach Palopo am Meer. Endlose Serpentinen, unzählige Schlaglöcher, eine von Unwettern teilweise weggeschwemmte Straßendecke, aber wunderbare Blicke von oben auf tieferliegende Berggipfel, die keck aus einem Bett aus Wolken in die Höhe gereckt scheinen. Irgendwann gibt es in einem der kleinen Warungs (Restaurants) an der Straße noch einen echten Toraja-Kaffee. Der wird in die Tasse geschippt, heißes Wasser drauf, vielleicht Zucker, umrühren – fertig. Und: Er schmeckt sehr lecker.
Weiter geht es talwärts, jetzt schallt uns wieder in jedem Dorf der Ruf der Muezzin entgegen, die Kirchen werden seltener. Endlich erreichen wir Palopo am Meer. Von nun an ist zumindest erstmal die extreme Serpentinenfahrt überstanden. Es geht nach Nordwesten, ein Stück an der Küste entlang, bevor es wieder nach Norden in die Berge geht. Gegen zwei Uhr Nachmittags sind wir endlich am See Poso.
Um vorallem mir weitere Autostunden zu ersparen, hat Anton vorgeschlagen, allein mit dem Gepäck weiter zu fahren, während wir mit einem Boot über den großen See fahren. Super Idee! Leider gibt es das Boot nicht mehr, das Anton kennt. Er hat ein neues gefunden, das ist etwas teurer, aber wohl schneller und wir können noch einen Halt an einem anderen Ufer-Abschnitt machen, wo es einen wilden Orchideen-Garten geben soll.
Wir sind etwas zu spät und der Umstieg geht sehr schnell, dann sind wir auch schon auf dem See. Etwas irritiert stellen wir fest, dass es ein sehr einfaches Motorboot ist, das nicht einmal eine feste Bank hat, sondern nur zwei Plastikstühle für uns. Das ist alles, von Rettungswesten oder -ringen keine Spur. Hmmm …
Kurze Zeit später wird der See ziemlich unruhig und der Bursche, der die Crew vervollständigt ist beschäftigt, um unsere rutschenden Stühle von hinten etwas in der Spur zu halten. Immer wieder klatschen Wellen an Bord. Aber der Käptn fährt ungerührt zum ersten Halt im Dschungel … hmm. Aber wir denken, er wird ja wissen, was er tut. Vielleicht beruhigt sich ja der Seegang wieder.
Orchideen gab es zwar, aber die haben nicht geblüht – sonst nur Dschungel, ein paar andere schöne Blüten und Früchte. Als wir weiter wollen, erzählt der Kerl was von 10 – 15 Minuten warten – wir dachten, der weiß sicher mehr als wir und das Wetter beruhigt sich.
Schließlich treibt er uns in das Boot, inzwischen regnet es. Ich bestehe auf den einzig festen Platz neben ihm, Miki hält sich dahinter an meinem Sitz fest. Die Wellen werden immer höher, das Wasser klatscht nur so ins Boot, das bei den hohen Wellenkämmen wie auf Beton knallt. Wir schaffen es gerade noch, die Handys in eine Plastiktüte zu verknoten, die Miki oben an der Dachstrebe festhält. Die sind deshalb so wichtig, weil wir ohne die Teile auf unserer Reise abgeschnitten sind von Allem: Infos, Bankverbindungen, Buchungen … Der junge Assistent des Käptn schafft es mit Müh und Not, das ins Boot geschwappte Wasser wieder zurück in den See zu schippen. Ohne das ganze jetzt in die Länge zu ziehen: Es war eine Höllenfahrt, bei der nicht klar war, ob wir kentern, ohne uns bemerkbar machen zu können – Signalpistole oder Funk gab es auch nicht.
Nach anderthalb Stunden sind wir irgendwie in unserer am Wasser gelegenen Lodge Dodoha Mosintuwu in Tentena angekommen, klatschnass, mit blauen Flecken von den harten Aufschlägen und ich mit entzündeten Augen. Wir waren so was von sauer … Anton kam kurz nach uns an, er war auch entsetzt. Wir wollten die Bezahlung verweigern, aber er hatte Angst(?) oder wollte nicht das Gesicht verlieren. Er zählt die Fahrt von seinem vereinbarten Lohn. Letztendlich haben wir ihm später das Geld gegeben. Er wird diese Typen nie wieder engagieren.
Genug bad news, das Ende ist gut, wie es sich gehört: Die Lodge am See ist sehr schön! Alles ein bisschen alternativer, es gibt nur zwei mit Liebe eingerichtete spitze Schilfhütten am See. Natürlich ist auch hier das eine oder andere ein bisschen kaputt oder funktionierte nicht, aber bei dem Klima ist das eben so. Die beiden mit Liebe eingerichteten Hütten auf Stelzen liegen in einem Öko-Garten, wo Kräuter und Gemüse und Blumen angebaut werden. Eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre.
Das Hauptgebäude, das Restaurant, Küche und Rezeption beherbergt, ist ein sechseckiger großer Holzpavillion am Ende des Stegs zum See, mit rustikalen dunklen Holzstühlen und Tischen eingerichtet, ein paar abgedeckte Instrumente verraten, dass gelegentlich Musik gemacht wird. Manchmal sitzen ein paar Frauen beratend zusammen – wie wir aus einem Text in unsrem Zimmer erfahren, wird von hier aus ein Hilfsprojekt für missbrauchte Frauen und Kinder organisiert.
Die Besitzerin ist super nett, genau wie die gesamte Mannschaft. Das Essen ist lecker. Die zwei Tage unseres Aufenthaltes hier haben die Batterien wieder aufgeladen. Am zweiten Tag sind wir zu einem Wasserfall im Dschungel gewandert. Auf der Fahrt dorthin fiel auf, dass die Häuser größtenteils nicht so schäbig aussehen, wie in den meisten Orten, durch die wir bisher gekommen sind. Unser Fahrer erklärt das damit, dass hier viele wohnen, die für die Provinzregierung arbeiten..
Am schönsten aber ist das Dorf, das dem Air Terjun -Wasserfall am nächsten liegt: Es gibt eine „Bali-Kolonie“. Hier leben Hindus aus Bali, die ihre Häuser und Gärten im Stil ihrer Heimat gebaut haben. Schon die schönen, blassroten und gelb verzierten Sandstein-Mauern und Portale lassen das Herz höher schlagen, die Tempel in einigen Gärten sind wunderbar!
Vom Eingang zum Naturschutzgebiet, zu dem der Wasserfall gehört, zahlt man einen kleinen Eintritt. Der Weg in den Urwald führt an einigen kleinen Restaurants vorbei, auf die man sich schon freuen kann – auf dem Rückweg. Der Dschungel vermittelt gleich von Anfang an das Gefühl der menschlichen Winzigkeit: Die meisten Bäume sind einfach gigantisch groß!
Am Fuß des Wasserfall tummeln sich etliche einheimische Touristen, die aufgeregt mit ihren Smartphones herumfuchteln: Fotos von sich, den Freunden, Selfies, Videos für Tiktok … sie sind echt im Stress. Und dann kommen da noch ein paar Europäer, die müssen ja ganz dringend auch mit auf ´s Bild, am liebsten Arm in Arm. Wir hätten Honorar verlangen sollen …
Der Air Terjun stürzt in vielen Kaskaden durch den Dschungel ins Tal, die jeweils in kleine Becken münden, wie phantasievolle Wasserterrassen mit in der Sonne funkelnder Gischt. Bis zum 3. Absatz schaffen es die aufgeregten Besucher gerade noch, danach wandern wir alleine weiter bergauf in das tiefgrüne Dschungelparadies mit den rauschenden Wasserkaskaden. Irgendwann kommt man nicht mehr weiter. Aber vorher hat das Wasser zwei perfekte kleine Schwimmbecken gebildet.
Wir nehmen ein Bad, um uns von schweißtreibenden Aufstieg zu erholen und lassen uns auf einem Felsen in den Becken nieder und genießen. Dutzende kleine blaue Schmetterlinge fliegen uns um die Köpfe, bevor sie sich auf Armen und Beinen niederlassen. Sie scheinen irgend etwas von unserer Haut zu mögen.
Nach einer wunderbaren Pause im unendlichen Grün und wieder auf Normaltemperatur abgekühlt machen wir und zufrieden auf den Heimweg. Nicht ohne einen frischen Maracuja-Saft in einem der kleinen Restaurant am Parkeingang …
Wieder zurück statten wir dem eigentlichen Ort Tentena noch einen Kurzbesuch ab – kurz, da sich herausstellt, dass der Ort nur aus einer völlig glanzlosen, uninteressanten Dorfstraße besteht. Einzige Sehenswürdigkeiten: eine Br ücke aus der Zeit der Holländer und die örtliche Moschee, deren Muezzin bei mir jedesmal den Eindruck hinterlässt, er wäre gern Tenor an der Oper … er klingt sanfter und melodischer als seine Kollegen sonst. Schnell zurück in unsrere Idylle … mit einem Bad im See, einem leckeren Abendessen und sogar einem Bier zur Nacht …

























Und noch ein Tag im traditionsträchtigen Hochland.
Frühstück mit Früchten, Keksen und der Haus-Katze – die uns adoptiert hat – auf dem Balkon … und schon steht unser Auto wieder vor der Tür. Heute geht es ins Umland nördlich von Rantepao.
Aber bevor wir richtig losgefahren sind, halten wir auch schon wieder, denn auch hier gibt es wieder etwas Neues zum Thema Begräbnistradition zu entdecken.
Zuerst fallen uns einige besonders große, schöne Tongkongan auf, hier außerhalb der Stadt.
In direkter Nachbarschaft liegt ein Monolith-Park: Unterschiedlich große, schlanke Granitkegel stehen in einer für uns nicht ersichtlichen Anordnung auf einer Wiese unter Palmen. An einer Seite ist ein Steintor mit einer Granit-Platte davor. Es sieht alles etwas geheimnisvoll aus. Es erinnert ein bisschen an antike Ruinen in Europa.
Unser Guide Jo erklärt uns, dass auch dies ein Beerdigungsplatz ist, allerdings ein ständiger, der im Gegensatz zu den anderen, nicht wieder abgebaut wird, sondern nur neu geschmückt und ergänzt wird, wenn eine Zeremonie ansteht. Dieser Ort gehört einigen wohlhabenden Familien, die in den angrenzenden Häusern leben. Der Platz unterscheidet sich total von dem, was wir bisher gesehen haben, hier mitten in der Natur, am Fuße eines bewaldeten Berges. Ein wirklich schöner Ort, der sogar so verlassen eine eigene Magie hat.
Ein schmaler Pfad führt in den Wald hoch. Nach gut 100 Metern stehen wir vor einem großen Gesteinsblock, in den von zwei Seiten Grabkammern getrieben wurden. Eigentlich sehr schön und würdevoll – wären da nicht die daneben liegenden, vergilbten Styropor-Platten, auf denen bei den Ritualen ein Foto, Daten über Leben und Beruf und andere Informationen Auskunft über den Verstorbenen geben. Da sie nach Ansicht der Toraja dem Toten gehören, darf sie niemand wegräumen, auch wenn es noch so scheußlich aussieht. Und auch hier wieder Plastikflaschen mit Getränken, Süssigkeiten und Zigarettenkippen.
Der Pfad führt noch weiter den Hang hoch durch den Wald. Immer wieder tauchen Felsblöcke unter den teilweise riesigen alten Bäumen auf, in denen die Toten ihren Platz für die Ewigkeit gefunden haben. Wohlgemerkt: Die Felsen sind Teil des Berges und wurden nicht hierhergebracht.
Und noch eine ganz besondere Art Begräbnis lernen wir an diesem Tag kennen, allerdings diesmal eine, die seit 20 Jahren nicht mehr praktiziert wird. Sie ist mit der alten Religion der Toraja, Aluk Todolo, verbunden. Heute findet sich niemand mehr, der diese Begräbnisart durchführen kann. Die Rede ist davon, wie die Toraja Babies und kleine Kinder beerdigt haben: in Baumgräbern.
Wir parken neben ein paar abgelegenen Häusern, die am Wald stehen. Ein schmaler Pfad führt ein paar hundert Meter in den Dschungel, der hier besonders hoch ist. Riesige alte Bäume, blühende Sträucher, die Ranken von Passionsblumen, ein paar hohe Palmen. Schließlich stehen wir vor einem besonders großen, hohen Jackfruchtbaum.
An seinem Stamm sind kleine Holztürchen zu erkennen, die wieder mit dem Stamm verwachsen sind: die Kindergräber. Der Baum hat als einziger weißes Baumharz – in Anlehnung an die Muttermilch. Auch hat diese Baumart so tiefe Wurzeln und ist aus besonders hartem Holz, dass es kaum vorgekommt, dass einer dieser Bäume bei Unwettern entwurzelt oder abgeknickt wird.
Ich finde diese Art, die Kleinsten zu begraben, wunderbar! Beschützt von Mutter Natur, in der Nähe und auf Augenhöhe ihrer Liebsten, zusammen mit anderen Kindern. Sehr traurig, dass es niemanden mehr gibt, der das noch macht. Jo hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich irgendwann doch noch wieder Anhänger der alten Tradition finden.
Die Reise in die Welt der Toten – und damit auch die ihrer Hinterbliebenen – geht weiter. Diesmal zu weiteren hängenden Gräbern und einer besonderen Höhle im Süden von Rantepao.
Um zur Londa-Höhle zu gelangen, müssen wir ein Stückchen laufen. Auch hier liegen wieder Felsengräber am Wegesrand, diesmal königliche. Dafür sind sie eher unspektakulär.
Unterwegs brausen auffällig viele junge Männer auf Motorrädern und Mopeds auf der kleinen sandigen Straße an uns vorbei. Durch Zuruf erfährt Jo den Grund: Hahnenkämpfe. Diese gruselige Angelegenheit ist hier in Indonesien so beliebt, dass dafür alles stehen und liegengelassen wird, auch die Arbeit. Schon bald laufen wir an einer endlosen Reihe geparkter Krads vorbei. Etwas zurückgesetzt an einem steilen Berghang ist die Arena. Davor herrscht aufgeregtes Gedränge. Ich wäre gern schnell vorbeigegangen …
Es werden immer mehr Menschen, nur wenige Frauen sitzen am Rande. Einige Männer, vorallem jüngere, haben ihre Hähne auf dem Arm, in Käfigen oder an einem Pflock vor der Arena. Noch sind keine geeigneten Kampfpartner gefunden worden, es wird heiß diskutiert. Wenn die Partner feststehen, werden Wetten angenommen: Der Besitzer des Siegers bekommt alles, inklusive des besiegten Hahns, oder was von ihm übrig ist.
Das Schlimme an diesen Hahnenkäpfen ist für mich nicht, dass die geflügelten Alpha-Tiere aufeinander losgehen und gnadenlos kämpfen: Das wirklich Üble ist die hier verbreitete Sitte, dass beide Hähne ein spitzes, gebogenes Messer an einen Fuß gebunden bekommen. Wenn die Tiere dann aufeinander losgehen, dauert es meist keine Minute, manchmal weniger, bis das Blut nur so spritzt und einer stirbt oder getötet werden muss. Unfair und einfach nur furchtbar!
Nach dem ersten Kampf kann es endlich weitergehen, die lehmige Straße bergan. Am Himmel brauen sich schwarze Wolken zusammen. Schließlich erreichen wir den Waldrand. Nur wenige Schritte bergauf liegt der Eingang zu einer Höhle. Auch hier wurden Tote begraben, deren Knochen sauber gestapelt auf Felsvorsprüngen liegen, Särge gibt es nur noch wenige.
Am anderen Ende der ca 40 Meter tiefen Höhle gelangen wir auf einen Pfad, der außen am Berg entlang führt. Einen kurzen steilen Aufstieg weiter, auf den mit großen alten Bäumen bestandenen Berggipfel, liegt der Eingang zu Höhlen, die tief in den Berg führen. Heute werden auch die für Bergräbnisse genutzt. Nach dem Einmarsch der Holländer 1906 wurden sie allerdings als Versteck vor den Besatzern genutzt – ganze Familien haben hier gelebt.
Über einen weiteren Brauch, der für Europäer recht befremdlich ist, habe ich bisher nichts geschrieben, weil wir ihn nicht erlebt haben, da diese Zeremonie nur im August stattfindet: das Ma’Nene-Ritual. Die Toten werden dann von ihren Angehörigen aus den Gräbern geholt, gewaschen, neugekleidet und bleiben zur Feier des Lebens einen Tag außerhalb der Gräber.
Wir müssen eine Pause einlegen: Der Himmel hat seine Tore weit geöffnet und es schüttet wie aus Eimern. Als es etwas nachlässt, machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Aber unser Fahrer hat mitgedacht und nicht einfach gewartet, sondern ist uns von der anderen Seite entgegengekommen … Aufatmen.
Wieder geht ein Tag voller neuer Eindrücke im Land der Toraja zu Ende. Aber nicht, ohne dass wir einen großen Fehler machen: Unterwegs nach Hause beschĺießen wir, dass wir den Abend auf dem Balkon in unserem Guesthouse beschließen wollen. Wir kommen auf die (blöde) Idee, unterwegs in Rantepao zwei Pizzen zum Mitnehmen zu bestellen. Es dauert und kostet vergleichsweise viel … und schmeckt grauenhaft! Wir haben die Lektion gelernt. Iss, was alle hier essen …
Wir gönnen uns zum Trost noch einen kleinen Luxus: Eine junge Frau, die in unserem Guesthouse putzt, bietet uns Massagen an, sie hat es in Bali gelernt. Der Versuchung können wir nach dem langen Tag nicht widerstehen und rufen sie an. Kurz darauf knattert ihr Motorrad den halsbrecherischen Feldweg zum Bait Lino entlang. Für uns Entspannung, für Bertin, so ihr Name, ein willkommener Extra-Verdienst. Sie hat drei Kinder, aber keinen Vater mehr dazu. Also: Win-win!
















P.S. zum Tag der Zeremonie: Zum Abschluss des erlebnisreichen Tages auf der Begräbnis-Zeremonie machen wir noch einen Abstecher auf den Viehmarkt von Rantepao, wo die Büffel und Schweine gekauft wurden.
Es ist ein riesiger Platz mit Lehmboden und koppelartigen Verkaufsfächen, auf denen auch jetzt noch viele Tiere jeden Alters und jeder Größe stehen. Es hat zu regnen begonnen und das lässt den verlassenen, lehmigen Platz ziemlich traurig aussehen. Jo erklärt uns noch, woran man Geschlecht und Wert der Tiere erkennt.
Die Schweine werden in sauberen Bambusställen gehalten, die zwar auch nicht gerade artgerecht sind, aber immer noch um einiges besser als die meisten in Deutschland. Und sie bekommen frisches Grünfutter. Trotzdem ist alles irgendwie etwas deprimierend.
Eine Straße weiter ist das Marktviertel mit vielen kleinen Läden, in denen es billige Bekleidung, massenhaft Gold( :-)-Schmuck, Gewürze und wunderbares Obst und Gemüse gibt. Wir essen auf dem Rückweg in dem gleichen Restaurant wie nach unserer Ankunft – da war es angenehm und das Essen lecker. Aber dann sind wir reif für unseren abendlichen Balkon mit Blick auf Reisfelder und Berge mit einem Bier, für das man extra in einen speziellen Getränkeladen muss. Die Supermärkte verkaufen auch hier kein Bier, trotz der überwiegend christlichen Bevölkerung.
Am nächsten Tag geht unsere Reise in die Geschichte der Beerdigungen weiter – wenn nun auch auf andere Weise. Wir fahren mit unserem Führer zu zwei weiteren Orten. Zuerst in den Ort Lemo Lemo (= der Ort, wo die Zitronenbäume gut wachsen). Außer ein paar Häusern und Läden, in denen nette Frauen darauf
hoffen, dass ein paar Touristen vorbeikommen, die einen schönen Sarong, Tücher, geschnitzte Löffel aus Büffelhorn oder anderes kaufen, sehen wir
nur zwei Bauern, die in der prallen Sonne bis zum Knie im Wasser
stehend arbeiten, auf ihren hellgrün leuchtenden Reisfeldern in der
Senke zwischen hohen, dunkelgrünen Bergen.
Ein paar steile, teilweise sehr schmale und hohe Granitstufen bringen uns zu
einem Pfad, der zu einigen Gräbern führt, die in den Felsen getrieben
wurden und nun mit Holz- oder Steintüren verschlossen sind. Auf einem Felsvorsprung steht noch ein leicht verfallenes Toten-Tongkonan mit dem vergilbten Foto einer Frau.
Auf dem Weg vor den Grabkammern oben im Fels liegen ein paar Plastikwasserflaschen und Reste von Süssigkeiten – Gaben von Angehörigen, die zu Weihnachten oder dem Beginn des neuen Jahres herkommen. Sonst besucht man die Gräber nicht. Ganz anders als in Europa.
Hier darf man die Toten auf keinen Fall in der Zeit zwischen Reisaussaat
und -ernte besuchen, das würde eine Missernte bedeuten. Und Reis ist
hier ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. Geld haben nur wenige, die Löhne, so man überhaupt einen Job hat, sind lächerlich niedrig. Johannes´ zweitältester Sohn hat das Glück, einen Job in einem Restaurant zu haben: Er verdient 1.300 000 Rupien, das sind rund 70 Euro. Und sowas wie eine Grundsicherung oder gar Arbeitslosengeld gibt es nicht.
Wir folgen dem Weg am Hang des Berges – endlich ein paar hohe Bäume und
Schatten. Zum Hang hin wachsen Kaffeebäume, Robusta und Arabica, ein
paar Kokospalmen, wilde Avocados, blühende Sträucher und
Passionsfrüchte, die leider hier noch nicht reif sind. Trotz der Hitze
ist es ein schöner Spaziergang. Ein kleiner steiler Pfad führt hinunter
zu einem Holzhaus, wo auf der überdachten Veranda Schnitzereien,
hölzerne Gebrauchsgegenstände und anderes darauf hoffen, dass vielleicht
jemand wie wir vorbeikommt und etwas kauft. Tun wir nicht, trotzdem
begleitet uns ein nettes Lächeln und die übliche leichte Verbeugung beim
Weitergehen.
Am Ende unseres Spaziergangs kommen wir am anderen Ende des Reisfeldes
wieder zu den sechs Häusern, die Lemo Lemo ausmachen und kaufen den
glücklichen Frauen nun doch ein paar Kleinigkeiten wie duftende
Zimtstangen und einen sehr schönen Büffelhornlöffel ab.
Inzwischen ist es Mittag und unser Fahrer bringt uns in ein erstaunlich großes
Restaurant etwas abseits der Straße, das offensichtlich nur von Gästen
wie uns lebt. Wir wollen gern mit Fahrer und Guide zusammen essen, aber
das lassen die Betreiber nicht zu, die Einheimischen haben einen eigenen
Bereich. Vermutlich etwas billiger, weil sie Kunden gebracht haben, aber
eben separiert. Ich finde das ziemlich unangenehm.
Auf der riesigen Wiese hinter dem Restaurant fließt ein kleiner Fluss,
eine Lehmkuhle daneben dient den Tieren als Spa. Hier weiden ein Büffel
und ein Kalb, das nicht mal angebunden ist. So gut haben es die meisten
Kühe in Europa nicht. Nur das Ende ist eben … wie beschrieben.
Teil 2 unserer heutigen Reise durch die Geschichte und Kultur der Toraja
führt uns noch einmal zu einer Begräbnisstätte. Diesmal sind es hängende
Gräber, ebenfalls an einer steilen Bergwand. Über und unter den Gräbern
sind kleine Balkone mit bunten, teilweise bemalten Holzpuppen, die die
Verstorbenen darstellen. So scheinen ganze Familien dort oben zu stehen
und bis in die Ewigkeit zu den Hinterbliebenen hinabzuschauen. Männer,
Frauen, Kinder. Ohne despektierlich sein zu wollen: Ich fühle mich ein
bisschen an die beiden alten Herren auf dem Balkon der Muppetshow
erinnert. (Sorry)
Ein Stück weiter lehnen hohe Bambusleitern an der Wand – hier wird
gerade eine neue Grabkammer in den Felsen getrieben. Eine langwierige,
schwierige Arbeit, die viel Geld kostet und die sich nur wohlhabende
Familien leisten können. In so einer Grabkammer finden dann allerdings
auch mehrere Tote Platz. Manchmal in einfachen kleinen Holzsärgen,
manchmal in Tücher gehüllt. Die anderen Toten wohnen eben weiter in
ihren Totenhäusern, meist neben dem Wohnhaus der Familie.
Die Entfernungen sind selbst bei unseren kleinen Ausflügen relativ groß,
bzw. sind die Straßen wie überall auf Sulawesi eine einzige Katastrophe.
Dazu kommen hier die unendlich vielen Kurven in den Bergen, der immer dichte Verkehr, deshalb dauert alles sehr lange. Aber die Fahrten durch die schöne Berglandschaft mit den Reisfeldern und den tropischen Bäumen sind auch spannend: Immer wieder mit einem Blick auf die wunderbaren Tongkonan und Anan mit ihren himmelwärts strebenden Giebeln und schönen Farben, die der Landschaft einen ganz besonderes Reiz verleihen. Irgendwie fühlt es sich an wie der Ausflug in eine ganz andere, exotische Zeit. Trotzdem sind die
Probleme des täglichen Lebens hier dieselben wie überall in der modernen
Welt.
Eine kurze Fahrt von Kete Kesu entfernt in die Berge liegt der Ort, an dem die Begräbniszeremonie, Rambu Solo, stattfindet. Der Ort gehört der Familie, wer nicht soviel Land hat, ist auf Familie oder Freunde angewiesen, denn es muss erst alles hergerichtet werden. Der Ort der Zeremonie sieht ein bisschen aus wie Arena.
Der flache Mittelteil ist umringt von verschiedenen Holzplattformen, auf denen die Gäste in Gruppen oder Familien aufgeteilt sitzen ( wer das Sitzen ohne Möbel nicht gewohnt ist, dem steht hier ein hartes Training bevor), dem Sitz des rotgewandeten Zeremonienmeistern an einer Längsseite. Über ihm wartet auf einer hohen, überdachten Plattform auf Bambus- und Holzstelzen ein kleines Tongkonan-Haus auf den Sarg, der am Ende des ersten Tages hinaufgetragen wird: der Turm der Toten. Gegenüber – auf der anderen Seite des Festplatztes, wurde für einen bestimmten Teil der Zeremonie eine aufwenig gestaltete rot-weiß-goldene Tribühne für Familie und Celebrities aufgebaut.
Im Atrium wurden vier Arten von Bäumen gepflanzt, die für den Toten Wohlsstand und eine gutes Leben im Jenseits symbolisieren. Im Zentrum steht der Sarg – in unserem Falle sogar zwei, da Tante und Nichte nur mit einer Woche Abstand von nur 7 Tagen gestorben sind. Die Särge sind in einer Art reich verzierten Mini – Tangkonan mit dem typischen Bootsdach untergebracht, davor stehen die Fotos der Verschiedenen. Im Laufe des Tages können Angehörige und Freunde dort tränenreich Abschied nehmen.
Die meiste Zeit tanzen und singen auf dem Platz daneben Menschen, die sich an den Schultern des Nachbarn festhalten, in einem großen Kreis. Der monotone Singsang klingt ein bisschen ähnlich wie der, den man von den Ureinwohnern Amerikas kennt. Er soll den Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits begleiten. Um mitzutanzen, muss man eine Spende an die Familie entrichten. Und – ganz wichtig – nur wenn eine Zeremonie stattgefunden hat, können die Toten in einem hängenden Sarg an Felswänden oder in einem Felsengrab beerdigt werden, was ihnen einen guten Platz im Jenseits sichert.
Zu guter Letzt das für uns Gruselige. Rund um den Festplatz herum liegen gefesselte Schweine, die von Gästen gespendet wurden, die nacheinander während der Tage geschlachtet werden, um die Gäste zu verköstigen. Ein Teil des Fleisches wird sukzessive in einem Metallbehälter in der Mitte der Arena, neben den Särgen mit Kräutern und Gewürzen auf offenem Feuer gekocht, ein anderer Teil hinter den Kulissen.
Das wichtigste aber – an dem sich auch der Wohlstand ablesen lässt – sind die Wasserbüffel, die ebenso im Laufe der Zeremonie geopfert (und verspeist) werden. An ihrer Zahl lässt sich Stand und Reichtum der Familie und der Gäste (die auch einen Büffel spenden können) ablesen. Die wertvollsten Büffel sind möglichst große, fayt weiße Albinobüffel mit großen Hörnern.
Um eine Zeremonie abhalten zu können, muss die Familie sich wenigstens einen Büffel leisten können. Zur Not werden Kredite aufgenommen, Geld geliehen oder die Familie hilft. Sich keine Zeremonie leisten zu können, ist ziemlich schlimm für die Familie, garantiert sie doch ein angemessenes Begäbnis und damit ein gutes Leben des Verstorbenen im Jenseits. Oft dauert es eine ganze Weile, dies alles zu arangieren. Solange gilt der Verstorbene als krank und bleibt noch im Haus der Familie. Der Tod wird von den Toraja als Zeit des Übergangs vom Leben in den Tod gesehen.
Jo, unser Guide, erzählt uns, dass er einen seiner fünf Söhne durch einen Motorradunfall mit 19 Jahren verloren hat. Mit Hilfe der Familie konnten sie sich wenigstens einen Büffel leisten und somit eine Zeremonie auf dem Land der Familie veranstalten.
Eine Besonderheit dieser Zeremonien ist symbolisch für das Land der Toraja: Obwohl sie mittlerweile alle Christen sind, halten sie diese alten Toraja-Zeremonien aufrecht – mit Einverständnis der Kirche. So hält auch bei dieser Zeremonie ein Priester eine Predigt.
Während all der Gesänge und Tänze verteilen schön gekleidete Frauen das erste Essen an alle Gäste: Schalen mit geschmorten Rind oder Schweinefleisch, Reis und ein Ölpapier, das als Teller genutzt wird. Und eine kleine Schale mit Wasser zum Fingerwaschen. Gegessen wird tradionell mit den Händen, wie überall in Indonesien – zumindest in ländlichen Regionen. Inzwischen bekommt man in allen Restaurant auch Löffel und Gabel. Aber die alte Art ist eben ohne Hilfsmittel. Gar nicht so einfach für Beginner…Zu trinken wird außer Wasser übrigens auch Palmwein gereicht.
Ich gebe zu, ich musste mich zuerst überwinden, nachdem ich die gefesselten Schweine und per Nasenring angebundenen Büffel gesehen hatte und leider ausversehen auch das Schlachten eines Schweins außerhalb der Arena…. Aber ich wollte nicht als doofer Tourist dastehen und habe gegessen. Und: Es war sehr lecker. Und so grausam einem das Schlachten bzw. Opfern hier erschien: Ehrlich gesagt denke ich, dass diese Tiere hier vorher ein wesentlich besseres Leben hatten, als die Spender des Supermarktfleisches in Europa. Nur kann man da das Tier ausblenden. Und hier haben wir immer wieder die Tiere auf den Wiesen, an den Wasserlöchern und Lehmkuhlen weiden sehen.
Wir bekommen zwischendurch auch Besuch von zwei Familienmitgliedern: einem katholischen Priester – natürlich in traditioneller Toraja-Kleidung – und einem Neffen der Verstorbenen, der perfekt Deutsch spricht, da er an einer deutschen pädagogischen Fakultät in Makassar studiert hat.
Später wird der erste Wasserbüffel zeremoniell geschlachtet. Ich habe mich gedrückt, aber mein tapferer, neugieriger Mitreisender hat sich getraut. Und zumindest sagt er, es sei eine sehr fachmännische, schnelle Tötung durch einen Kehlenschnitt gewesen. Danach wurde das Tier sofort fachmännisch vorden Augen des Publikums zerlegt undzur Zubereitung in den Kesseln auf dem Feuer gebracht.
Zwischendurch werden immer neue Gäste empfangen, wie die Abordnung von Schülern der Schule, an der dir Verstorbenen gelernt bzw gelehrt haben. Die Stimmung ist übrigens – anders als in Europa – bei Beerdigungen nicht bedrückt oder gedämpft: Kinder rennen spielend herum, in den Pavillons wird geschwatzt, man trifft Bekannte. Natürlich sind alle schön angezogen, schwarz, rot, gern mit Gold und Silber durchsetzt. Aber es sollte unbedingt ein Sarong getragen werden, für Frauen ein Muss. Jo hat uns schöne schwarz-goldene mitgebracht, wir sind also passend gekleidet.
Der Tag vergeht, bis es soweit ist: gegen Ende dieses Festtages werden die Verstorbenen – die bis jetzt noch als krank gelten – auf die Reise ins Jenseits verabschiedet. Kräftige junge Männer nehmen mit langen Bambusstangen die in kleinen Kongkonan-Häusern gebetteten Särge aus die Schultern und machen sich auf einer gefährlich aussehenden langen, schrägen Bambusleiter auf den Weg nach oben auf den Totenturm. Immer begleitet von lauten laustarken Singsang des Zeremonienmeisters. Erst wenn die Särge dort oben stehen, können sich die Verstorbenen nun endlich auf die Reise ins Reich der Toten machen, bevor sie, nach Abschluss der 4- oder 5-tägigen Zeremonie begraben werden können.
Ich muss zugeben, ich hatte manchmal Sorge, dass die Männer auf der schrägen Leiter mit den großen Abständen der Bambussprossen abrutschen und der Sarg abstürzt. Aber es sind sehr viele Sargträger, wahrscheinlich auch deshalb…
Das Fest geht nun noch über 2 oder 3 Tage weiter, bis die Toten begraben werden können. Es war super spannend und wirklich ein tolles Erlebnis, zumal Johannes immer wieder unsere vielen Fragen geduldigst beantwortet. Alle Menschen, die wir getroffen haben waren freundlich und sogar erfreut, dass wir an der Feier teilnehmen. Ich habe sicher so einiges vergessen zu erzählen, aber es waren einfach zu viele neue, fremde Eindrücke. Trotzdem ein großartiges Erlebnis, eine Reise in die Vergangenheit und lebendige Tradition der Toraja. Schön, es erlebt zu haben!
Wir haben viel vor in den kommenden Tagen. Ganz im Mittelpunkt natürlich: eine Begräbnis-Zeremonie. Und die gibt es hier so regelmäßig, dass man fast immer das Glück hat, eine mitzuerleben – beziehungsweise einen Tag davon.
Denn tatsächlich dauert jedes Begräbnisfest 4 oder 5 Tage. Wie groß, lang und prachtvoll es ausfällt, hängt davon ab, wie reich die Familie ist. Aber auch die kleinen Leute versuchen, ihren Toten auf diese Weise die letzte Ehre zu geben, nur wer es sich gar nicht leisten kann und auch niemanden hat, der Geld leiht, begräbt seine Toten einfach. Rambu Solo heißen diese Feste, mit denen der Verstorbene ins Jenseits, das Puya, geleitet wird.
Doch auf dem Weg zur Zeremonie machen wir zuerst noch einen Abstecher nach Kete Kesu. Hier erklärt uns unser Führer mit dem christlichen Namen Johannes erstmal ein bisschen Wesentliches aus Tana Toraja: Leben und Sterben. Der Ort hier steht unter Denkmalschutz, trotzdem dürfen die Familien, denen die Gebäude hier gehören, sie weiter benutzen.
Ich habe bisher eine Besonderheit dieser Region unterschlagen – unverzeihlich, macht sie doch das Gesicht von Tana Toraja aus: die ganz spezielle Bauweise der Häuser mit beidseitig spitz weit nach oben hochgezogeneen Giebeln, bunt, mit Schnitzereien und meist Büffelhörnern geschmückt und auf Stelzen gebaut. Was es damit auf sich hat, haben wir in Kete Kesu gelernt.
Es gibt zwei verschiedene Hausarten, die aber beide bis heute bei allen Familien, die es sich irgendwie leisten können, zusammengehören. Zunächst die etwas kleineren, als Reisspeicher genutzen Häuser. Reis ist kostbar, ernährt hier jede Familie und muss gut gelagert werden. Fast alle Familien haben hier noch Reisfelder, die einen Großteil der Ernährung über das Jahr ausmachen. Diese besonderen Speicher werden gebraucht, nachdem der Reis geerntet und getrocknet wurde. In dem Raum auf Stelzen wird er hier gelagert. Es ist recht mühsam, ihn auf der schmalen Leiter in die kleine Tür zu schieben, aber oben ist er sicher vor Mäusen und anderen Schädlingen. Diese wunderschön aussehenden, aufwändig verzierten Speicher heißen Alan.
Das eigentliche traditionelle Wohnhaus , das Tongkonan, ist größer, da es ja der Lebensraum für die ganze Familie samt Eltern der Frau war bzw. ist. Die ungewöhliche Form kommt daher, dass das indigene Volk in Toraja ursprünglich mit Schiffen angelandet war und am Meer gelebt hat, bevor es hier in die Berge kam, um zu siedeln. Ihre Sehnsucht nach dem Meer haben sie in der Form der Häuser ausgedrückt; daher die wie bei einem Schiff hochgezogenen Giebel. Die hölzernen Fassaden sind geschnitzt und in vier Farben bemalt: orange, gelb, weiß und schwarz.
Wir konnten hier ein solches – nicht mehr als Wohnhaus genutztes – Tongkonan besichtigen. Es ist mühsam, über eine schmale, steile Leiter und eine ebenso kleine Öffnung in das Haus zu gelangen, was wohl auch der Grund dafür ist, das viele Familien heute entweder in einem einfachen Haus dahinter wohnen oder – neuerdings – eine Außentreppe angebaut wird. Es gibt drei Räume: Wohn- und Schlafraum der Famile, gegenüber das Zimmer für die Eltern der Frau. Und in der Mitte, etwas tiefer, liegt die Kochstelle im Esszimmer. Alle nichts für große Menschen… Übrigens: Wenn ein Familienmitglied stirbt, gilt es bis nach der Begräbniszeremonie als schlafend und bleibt im Schlafzimmer. Ein bisschen befremdlich …
Außen am Haus werden an einem senkrechten hohen Balken die Büffelhörner aller Begräbniszeremonien der Familie angebracht – Zeichen des Wohlstands. Aber dazu komme ich später.
In Kete Kesu erfahren wir auch, wo die Toten nach der Beerdigung hinkommen: Sie bekommen ein eignes Totenhaus. Früher aus Holz, aufwändig geschnitzt und verziert, mit einem Bild oder einer Skulptur der/des Toten. Heute können sich das viele nicht mehr leisten. Da die Toten aber in der Nähe der Familie bleiben sollen, werden neben den Wohnhäusern einfach Häuser aus Beton für die Verstorbenen gebaut und mit einem Bild von ihnen versehen. In einem Totenhaus können auch mehrere Verstorbene „wohnen“, Hauptsache, sie sind in der Nähe der Familie.
Kete Kesu hat noch mehr zu bieten. Es geht noch exotischer. Hinter dem Dorf mit den Totenhäusern führen in den Fels gehaune Stufen einen steilen Berghang hoch. An den senkrechten Felswänden hängen kleine Särge, schön verziert. Auch sie haben Deckel mit der Form eines Schiffs, sie sind inzwischen leicht verrottet, manchmal sogar zerfallen. Auf Holzbalken darunter oder Felsvorsprüngen sind die alten Knochen und Schädel gestapelt. Ein bisschen gruselig, ja, aber irgendwie nicht so, wie sich das hier anhört. Irgendwie passt das alles zusammen.
Es ist heiß, der Kopf ist voll von all den neuen Informationen und Eindrücken. Dennoch bleibt nur Zeit für ein Eis und schon geht es weiter mit dem Auto zum großen Ereignis: der Begräbniszeremonie, die in einem Dorf in den Bergen stattfindet. Doch das ist Stoff für das nächste Kapitel.




















