















Unterwegs mit Beate
















Es sind uns noch gut drei faule Tage geblieben, nicht alles ist spannend oder neu genug (siehe Blog Bali 2024), um noch mal in Länge und Breite hier beschrieben zu werden. Wohl aber ein paar Erlebnisse, die ganz spannend sind. Da muss als Erstes unbedingt die wilde Fahrt durch den regengepeitschten Innenstadtverkehr beschrieben werden, so das überhaupt möglich ist in dieser Form. Der pure Irrsinn …
Am ersten Morgen in der Stadt liegt mir natürlich nichts näher, als zu versuchen, mein armes Handy auf Lebenszeichen überprüfen zu lassen oder gleich in die Trauerphase überzugehen.
In Denpasar gibt es nur zwei Original-Samsung-Werkstätten, andere haben die Teile gar nicht. Das bedeutet schon per sé einen wilden Ritt durch den Verkehrswahnsinn der Inselhauptstadt, denn Sanur ist nur der Strand und damit Randbezirk von Denpasar. Die Hauptverkehrsstraßen sind zum Teil sehr breit. Und das müssen sie auch, bei dem Verkehrsaufkommen. Vor den den Ampeln habe ich allein pro Richtung locker um die 30 Motorräder dicht an dicht nebeneinander gesehen, dazwischen noch Autos, die sich auch an keine Spur halten. Die Markierungen sind … wofür?
In den kleineren Nebenstraßen reduziert sich die Anzahl der nebeneinander auf Tuchfühlung fahrenden Fahrzeuge auf das Maß des eben irgendwie Möglichen. Die zerbröselten Straßenränder und Löcher auf der Fahrbahn machen die Sache nicht einfacher. Hier wird zwar absolut verrückt gefahren, allerdings mit höchster Aufmerksamkeit und Beachtung des anderen. Ich kann nur versuchen zu beschreiben – man muss es eigentlich gesehen haben. Ich fahre hier nicht! Und das will was heißen, denn sonst streiten wir uns eher, wer fährt … Also: Augen Auf und durch.
Aber der Blick in den Himmel und auf den Wetterradar machen klar: Es wird Regen geben. Schwarze Wolken. Um es kurz zu machen, in den letzten Minuten unserer Fahrt zur Werkstatt öffnet der Himmel seine Schleusen, aber wir schaffen es gerade noch so zum Servicecenter – in der Hoffnung, dass es später wieder aufhört.
Alles ist sehr professionell organisiert, der Schaden wird von jungen Technikern gleich eingeschätzt. Die gute Nachricht: Mein Smartphone lebt noch ein bisschen und scheint zu retten zu sein! Das Problem: Die Ersatzteile müssen von der Firmendependence in Jakarta (Java) eingeflogen werden. Wir haben nur knapp vier Tage … Mal sehen.
Inzwischen schüttet es draußen ohne Pause. Mehr Regenzeit geht nicht … Irgendwann beschließen wir, es den anderen gleich zu tun und mit einem wenig kleidsamen, hellblauen Plastik-Regencape verpackt, gegen die Güsse und den Fahrtwind tief nach vorn gebeugt, auf dem Motorroller nach Hause „zu schwimmen“. Es hat geklappt, gut 40 Minuten später sind wir in Sanur. Aber nein danke, ich möchte nicht mehr davon! Es war eine harte Nummer. Und gefahren wird hier auch bei diesem Wetter genauso wild wie sonst.
Am nächsten Tag haben wir uns einen Ausflug ins Landesinnere Richtung Ubud vorgenommen, der wunderbaren Stadt in den Bergen (siehe Blog Indonesien 2024) . Aber nicht die Stadt ist das Ziel, sondern ein Wasserfall in der Nähe und der dazugehörige Tempel.
Auf dem Weg aus Denpasar heraus werden wir plötzlich von einem Motorradpolizisten herausgewunken bzw. eskortiert. ?? Er sagt, wir wären bei Rot über eine Ampel gefahren, zusammen mit anderen seien wir auf der Kamera erfasst worden … Welche Kamera? Die Sache ist mehr als obskur, aber sollen wir uns hier Ärger mit der Polizei einhandeln? Als wir die für Indonesien nicht unerhebliche Strafe in bar bezahlt haben, wünscht uns ein bestens gelaunter Police Officer fröhlich „Einen schönen Tag“! Keine Quittung, kein Strafzettel … Schon klar, der hat heute gut verdient an den Touristen … Wir lassen uns die Laune nicht verderben. Die vergleichsweise hohe Summe ist für uns immer noch sehr gut verkraftbar.
Also weiter mit eiem wilden Ritt aus der Stadt hinaus. Die angrenzende Ortschaft gefällt mir auf Anhieb viel besser als Sanur oder Denpasar: Eigentlich nur ein unspektakulärer größerer Ort, aber das Straßenbild ist einfach schön. Zwar gibt es auch hier die üblichen hässlichen, meist schwartzschimmeligen Betonblock-Häuschen, Wellblech-Hütten und viele andere billige Bauten und Geschäfte, aber daneben ziehen hier viele schöne, in Hindu-Tradition gebaute Häuser, Mauern und private Tempel die Blicke auf sich. Kunstvoll verzierte Dächer mit viel Rot, Gelb, Schwarz, Gold und Orange. Kleine Altäre mit bunten Gabenkörbchen. Fabelwesen, Götzen und Götter scheinen über das Geschehen auf der Straße zu wachen. Ein bißchen Märchenland.
Mitten im Ort lesen wir einen Hinweis auf einen Tempel. Also fragen wir am Straßenrand nach dem Weg zum Pura Desa Lan Puseh Sukawati Tempel und schon fährt ein älterer Mann auf seinem Motorrad vor uns her und geleitet uns auf den richtigen Weg, stoppt den wilden Verkehr der Gegenfahrbahn, damit wir abbiegen können. Einfach nur aus Freundlichkeit, ohne Erwartungen einer Bezahlung.
Wie ich diese freundlichen Menschen und dieses viele Lachen in Europa vermissen werde! Es ist so ansteckend und wohltuend, ständig diese Freundlichkeit und Heiterkeit zu erfahren!
Die Straße endet in einen kleinen baumbestandenen Platz, an dem der Pura Desa Lan Puseh Sukawati Tempel liegt, bzw der gesamte Tempelgarten. Wieder werden wir ausgestattet mit einem seidenen Sarong samt Schärpe in leuchtendem Lila und Gold, Miki auch noch mit einer traditionellen männlichen Udeng (einer Art gewundenes kleines Kopftuch). Die Udeng werden auf Bali auch im Alltag von vielen Männern getragen und ich finde sie ausgesprochen schön, fast chic.
Die kunstvollen orangen Mauern umschließen einige offene Gebäude (ohne Wände), vor allem kleine Tempel für Zeremonien und Gebete. Die Statuen, Götterbilder und Gabenaltäre sind fast immer mit schwarz-weißen oder auch blau-weiß karierten Tüchern umwickelt, was auf den ersten Blick recht seltsam aussieht. Inzwischen habe ich die Bedeutung nachgelesen. Diese Tücher symbolisieren den Dualismus, der im Hinduismus eine große Rolle spielt: Das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten, Ordnung und Chaos.
Überall am Boden und auf den Sockeln der Stauen stehen die leuchtend bunten Opferkörbchen, frische und ältere, mit Reis, Kräuter, Früchten, Blumenblättern und Süßigkeiten. Es spielt keine Rolle, wenn sie vom Regen, freilaufenden Tieren oder sogar Menschenfüßen beschädigt werden. Jeden Tag kommen frische dazu. Im Moment des Aufstellens werden sie geweiht: Sie werden mit Tirta, heiligem Wasser, besprengt, mit Räucherstäbchen und einem kleinen Gebet gesegnet. Ein Dank an die Götter und die Natur für ihre Gaben, die die Menschen ernähren. Davon wird ihnen mit der Zeremonie etwas zurückgegeben.
Wir wandern trotz Hitze eine Weile an diesem schönen und beruhigenden Ort herum, bevor wir uns von unserem Begleiter verabschieden, einem älteren Mann, der sehr nett erklärt, was wir fragen, uns aber ansonsten völlig uns selbst und dem Tempel überläßt. Hindus missionieren nie. Sie werden, nach meiner Erfahrung, immer gern alle Fragen nach Glauben und Traditionen beantworten, aber niemals andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen versuchen. Sehr angenehm.
Inzwischen sind wir fast gar, die Hitze ist an diesem Tag fast unerträglich. Hoffentlich mündet das nicht wieder in Gewitter, wir haben noch eine Strecke Wegs vor uns. Unterwegs zum Wasserfall machen wir Brunch an einem besonders schönen Ort: Ein großes offenes Restaurant auf dem Berggipfel, mitten im Grünen, mit einem spitzen, hohen Holzdach. Ein Ort zum Abkühlen an diesem heißen Tag. Hinter dem Restaurant liegt eine tiefe grüne Schlucht, der Ausblick ist toll. Und für Spaß sorgt ein großer blau-gelber Ara, der hierhergehört. Mit einem Sender am Bein fliegt er frei herum. Er ist scharf auf ein paar Leckerlies von den Tischen. Wenn nicht … na gut: zerfleddert er eben die Servietten. Macht auch Spaß.
Nur ein paar Kilometer durch Wald und Reisfelder weiter: der Tegenungan Wasserfall, mit dem dazugehörigen Tempel. Auch hier muss man einen geringen Eintritt zahlen. Nach dem üblichen Spalier kleiner Läden und Restaurants am Eingang führen gefühlt endlose Naturstein-Treppen ins Tal, in das der Wasserfall stürzt.
Kurz vor der Talsohle zweigt ein Weg zum Tempelgelände ab. Auch hier wieder die offenen Säulentempel, Götter und Fabelwesen mit rollenden Augen, natürliche Wasserquellen, die in kleine Becken münden und ein großes Becken mit vielen Goldfischen. Viele rituelle Gegenstände sind abgedeckt – hier finden regelmäßig Zeremonien statt. Es ist still, heiß und sehr farbig mitten im tiefen Grün der Umgebung.
Wesentlich mehr Trubel herrscht 100 Meter weiter, wo mit lautem Rauschen der Petanu River 15 Meter in die Tiefe stürzt. Wasserfälle sind wohl immer faszinierend. Und hier kommt noch die angenehm frische Gischt dazu, die die Hitze beim Ab- und Aufstieg über die hohen Stufen zumindest mildert. Baden ist erlaubt, aber nicht sonderlich verlockend, das Becken ist vergleichsweise flach und sehr steinig, das Wasser aufgewühlt und trübe. Aber die Füße im Wasser und die winzigen Wassertröpchen auf der Haut – das tut gut.
Eher weniger stilvoll sind zwei Buden, die eine Umkleidekabine, eine Toilette und jede Menge geschmackloser „Spaß“- Schilder verkaufen … Aber es gibt genug Touristen, denen das gefällt. Die Hauptbeschäftigung der meisten Besucher besteht im Fotografieren, weniger den Wasserfall oder gar den Tempel, sondern vorallem sich selbst und die Familie bzw Freunde. Ich beobachte eine Weile eine schwer gestresste Influencerin mit ihrem Smartphone auf einem Stativ, einem winzigen Bikini, einem Hut, einem Flatterschal und tausend Posen … Urlaub ist halt kein Zuckerschlecken.
Nach einem frischen Mango-Saft auf halber Höhe verabschieden wir uns von diesem schönen Ort. Der zweite an diesem Tag. Die Fahrt hierher hat sich gelohnt: das ist das wunderbare Bali aus meiner Erinnerung: Üppige tropische Wälder Blüten ohne Ende, Reisfelder, Tempel und schöne Häuser.
Dagegen ist der Badeort Sanur dann doch etwas nüchtern. Ein Ferien-Strand-Ort wie es ihn inzwischen überall auf der Welt gibt. Hier natürlich mit einigen Bali-Zutaten, die den Gästen das besondere Exotik-Bali-Gefühl geben. Aber immerhin sind diese Detail nicht nur „Verzierung“ für Touris, sondern gehören zum täglichen Leben derer, die hier leben. Der Strand-Teil von Sanur zieht sich einige Kilometer lang hin, eine lange Hauptstraße ist abendliche Flanier- und Restaurantmeile.
Dahinter, Richtung Meer, unzählige Hotels und ein paar teure Ressorts. Der lange, relativ schmale Sandstrand ist gesäumt von Restaurants, Liegen, Sonnenschirmen, Surfboardverleihen und natürlich vielen Openair- Massageangeboten, denn die sind ja legendär. Und sehr angenehm! Wem das nicht behagt, der geht halt in ein Massagestudio an der Straße. Sehr angenehm und für uns Europäer zumindest auch ungewöhnlich preiswert: 6-7 Euro für eine Stunde.
Unseren letzten Tag verbringen wir mit Müßiggang, Strand und Pool. Es war eine tolle Zeit! Auch dank der angenehmen Menschen hier! Selamat Jalan, Indonesia! Terima kasi!




















































Drei Tage Süd-Bali waren schön, aber sind dann auch genug. Die Orte sind entweder groß und chaotisch wie Jimbaran oder eher Ansammlungen von Häusern und ein paar kleinen Läden, aber wirklich schön sind sie nicht. Und überall wird wie verrückt gebaut, das aber richtig hässlich: Beton, der schön schwarz ist, bevor die Wände fertig sind, Golfplätze für die, die zur Gemeinde der Golfer gehören und eben die vielen Surferbuden und Gyms.
Wir haben noch eine Ecke der Insel auf dem Plan, die uns ganz und gar fehlt: den Tempel Tanah Lot im Süd-Westen. Auf Bildern habe ich ihn schon öfter gesehen, also gehörte zum must see für uns. Wir haben uns mit unserem letzten Taxifahrer wieder auf einen Tagespreis geeinigt, um mit ihm zuerst Richtung Westen zu fahren und danach zurück nach Sanur, dem Strandvorort von Denpassar, wo unsere Reise begonnen hat. Dort wollen wir die letzten vier Tage verbringen.
Eigentlich ist Tanah Lot nicht sehr weit weg, aber … es dauert eben wieder. Allerdings wird meine Laune immer besser, denn je weiter wir uns gen Western bewegen, desto mehr bietet sich am Straßenrand das Bild, das ich bei der ersten Reise nach Bali im Kopf mitgenommen habe: Viele Häuser und Grundstücke haben diese wunderbaren dazugehörigen Tempel, Portale und Mauern, mal gelb, mal rot, orange oder schwarz-gold! Götzen und Gottheiten Rollen die Augen, Strecken die Zunge heraus oder Strecken die Arme aus – es ist einfach großartig. Ich erinnere mich, dass hier fast jeder, der ein eigenes Grundstück hat und ein Haus baut, auch solche Tempel und Götterfiguren einplant. Ich starre begeistert aus dem Fenster und fühle mich ein bisschen wie in einer Phantasiewelt. So schön!
Gute zwei Stunden später haben wir es geschafft: Pura Tanah Lot, der Meerestempel. Wörtlich bedeutet sein Name „Land inmitten des Meeres“. Der Tempel selbst steht auf einem winzigen Inselchen, das nur bei Ebbe zu erreichen ist. Als wir ankommen , gibt es noch zuviel Wasser, um zum Tempel selbst zu gelangen. Das ist aber eigentlich auch nicht nötig, es ist auch so ein eindrucksvoller Anblick, den Tempel inmitten grüner Bäume wie auf einer Scholle thronen zu sehen. Irgendwie hat es für mich etwas von einer Fatamorgana.
Gebaut hat den Tempel der Überlieferung nach Anfang des 16. Jahrhunderts ein Hindupriester, der von Java vor den Muslimen nach Bali geflüchtet ist, als Meditationsort für sich und seine Schüler. In einer kleineren Höhle am Strand gegenüber des Felsen entspringt in einer Höhle eine Süßwasserquelle, die als heilig gilt und von Priestern bewacht wird. Hier leben auch die heilige Schlangen, die als hochgiftig gelten, aber noch nie jemanden gebissen haben sollen. Höhle und Schlange werden von Priestern bewacht, die kategorisch auf die Spendenbox weisen, wenn jemand die Schlangen sehen will.
Die gesamte Tempelanlage zieht sich einige hundert Meter am Meer entlang, ist also ziemlich groß und wirklich wunderschön. Auch hier haben Gläubige überall diese kleinen Opferkörbchen mit Blüten, Kräutern, Reis und manchmal Süßigkeiten hingestellt. Dieses heilige Ritual vor Götter-Bildern, Tempeln oder Statuen absolvieren die meisten Hindus mehrmals am Tag: immer schön angezogen, mit etwas, das nach Weihrauch aussieht.
Die Besucher hier sind vorallem Balinesen, aber auch Touristen aus aller Welt. Sarong ist hier nicht Pflicht, aber angemessene Kleidung selbstverständlich, nur ein paar dicke deutsche Stammtischgenossen haben das wohl nicht mitbekommen …
Nach einem Spaziergang durch die Tempel-Anlage und die sich anschließende kleine Zeile von Geschäften und hübschen kleineren Restaurants, genehmigen wir uns noch einen Luwak-Kaffee. Das ist diese legendäre teure Kaffee, dessen Bohnen erst von iltisartigen Mardertieren, den Luwaks, gefressen werden, die die Bohnen dann fermentiert wieder ausscheiden. Gereinigt hat der Kaffee einen zugegeben leckeren Geschmack und kostet mindestens dreimal soviel wie nicht ausg… Kaffee. In dem offenen kleinen Café liegen drei ausgestopfte Luwaks auf dem Tresen und einem Brett über den Tischen … Uups: Plötzlich rekeln sie sich und schauen sich um! Sie sind zahm und begleiten ihren Besitzer jeden Tag zur Arbeit.
Auf dem Rückweg zur Hauptstraße bittet unser Fahrer plötzlich anhalten zu dürfen, da er eine verzweifelt wirkende junge Frau neben ihrem Motorrad hat stehen sehen, der er Hilfe anbieten möchte. Um es kurz zu machen: Wie sich herausstellt, kommt sie aus einem anderen Teil Balis und macht hier eine Art Ausbildung, bekommt aber kein Geld dafür. Jetzt ist auf dem Heimweg ins Dorf ihr Roller kaputt gegangen und sie kann weder die Reparatur bezahlen, noch kommt sie allein in den nächsten Ort. Komang, unser Fahrer, geht zurück und gibt ihr, wie wie sehen können, ein Drittel seines Tagesverdienstes, damit sie ihr Fahrzeug in einer Werkstatt reparieren lassen kann. Das ist wegen des Karmas, erklärt er uns ganz einfach. Wir sind ehrlich beeindruckt. Am Abend geben wir ihm noch einen dicken Bonus – für das Karma.
Am späten Nachmittag erreichen wir Sanur, nachdem wir uns quer durch den wahnsinnigen Stadtverkehr der balinesischen Hauptstadt Denpassar gekämpft haben. Wir hatten Glück, das letzte freie Zimmer in dem kleinen Hotel, dem Cove Jivva Nattaya zu bekommen. Zufrieden nehmen wir ein Bad im Pool unter den blühenden Bäumen. Dann faulenzen, essen schlafen. Endlich wieder das Bali, das mir vor zwei Jahren so sehr gefallen hat.
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Abschied von Sulawesi nach einer spannenden Zeit. Mit dem Wassertaxi nach Art der Bunaken geht es zurück nach Manado. Aus dem Taxi quer durch die Stadt entdecke ich so einiges in Manado, was ich gern noch gesehen hätte, wie die Chinatown. Aber es bleibt keine Zeit mehr, denn die Flüge zurück nach Bali sind gebucht. Und dafür müssen wir zu sehr un christlicher Zeit aufstehen; der Wecker klingelt um 3 Uhr …
Alles klappt perfekt, der Flieger wird uns mit Zwischenlandung in Makassar auf die Nachbarinsel Bali bringen. Langsam schließt sich der Kreis. Auf Bali haben wir unsere Reise begonnen, auf Bali wird sie enden. Aber nicht gleich, eine Woche bleibt uns noch. Zeit genug, den Teil der bekanntesten indonesischen Insel zu entdecken, der uns noch fehlt: die Südwest-Halbinsel.
Schöne Strände, teilweise Steilküsten, Surferparadiese und Yoga Retreats erwarten uns dort, laut dem, was wir gelesen haben. Wir haben uns für Balagan Beach in der Nähe der Stadt Jimbaran entschieden. Wieder ein netter Gojek-Taxifahrer, der zufällig auch noch aus Jimbaran stammt. Kaum 20 Kilometer, also gleich um die Ecke vom Flughafen Denpassar. Aber wie immer: Es dauert fast zwei Stunden, die Straßen werden immer schlechter und kurvenreicher, je näher wir unserem Ziel kommen. Teilweise sind es nur Schotterpisten mit Resten uralten Asphaltbelages. Von der Küste sehen wir kaum etwas, die Landschaft ist bergig und ziemlich zersiedelt.
Endlich stehen wir vor dem Guesthouse Balagan Sea View, nachdem wir erst noch ein paar allein gemütlich auf der Straße spazierenden Kühen die Vorfahrt gelassen haben. Aufatmen: Unsere neue Unterkunft sieht super aus, mit tropischem Garten, Pool, Blick auf das naheliegende Meer und schönen Zimmern. Genau richtig zum Entspannen und als Ausgangsbasis zur Küstenerkundung.
Als erstes wollen wir den Strand erkunden und ein Bad nehmen. Balagan Beach gehört zu den Surferparadiesen. Allerdings ist schon der Weg an der Steilküste hinunter eine zweifelhafte Hindernisstrecke. Unten angekommen sind wir dann doch reichlich ernüchtert. Nicht nur wegen des aufziehenden Regengusses, sondern wegen des Zustandes dieses angeblichen Paradieses. Ein Dutzend Surferstationen reihen sich mit schlichten, wenig gepflegten Holzbuden auf Stelzen an den Strand, den die Wellen des wegen des Wetters grauen wilden Meeres fast komplett überspülten. Aber das wäre völlig ok, wenn nicht der Müll wäre, der zum Teil einfach von den Buden aus der Hintertür geworfen wird. Uns ist die Lust auf weitere Besuche dieses Strandes schon beim ersten Besuch vergangen. Als der Regen nachlässt, machen wir uns flugs auf den Heimweg.
Tag 2: Wir mieten ein Motorrad und wollen nach Uluwatu, den wohl bekanntesten Ort dieser Küste, Mekka für Surfer und Yogis. Die erstaunlich breite, asphaltierte Straße führt zunächst – gutgepflegt – an einigen großen Golfplätzen und Edelressorts vorbei, aber dann ist auch schon Schluss. Die nun schmalen, gewundenen Straßen sind zum Teil nur im Schritttempo befahrbar, ein einziges Desaster. Der Verkehr wie immer dicht an dicht, auch auf den kleinen Straßen. Wären nicht alle Fahrer so entspannt und rücksichtsvoll untereinander trotz der halsbrecherischen Fahrweise, ginge hier nichts mehr.
Uluwatu ist ein sehr langer Straßenort, in dem sich endlos Geschäfte, Läden, Hotels und Pensionen aneinanderreihen. Alles ein bisschen auf Hippie- und Surferpublikum abgestimmt. Und vorallem: Es wird überall gebaut. Noch mehr Unterkünfte, Geschäfte, Restaurants. Der Laden läuft also, fragt sich, wie lange man das so weitermachen kann.
Das Publikum ist passend, vorallem hippe junge Menschen, aber auch ein paar Althippies und Esotheriker. Und sogar ein paar Familien, denn in der Nähe liegen einige der bekanntesten Strände dieser Gegend, die als die schönsten hier gelten. Wir haben einige davon auf der Liste.
Als erstes steht der Pantai Suluwan auf unserer Liste. Ein wenig außerhalb von Uluwatu führt ein Fußweg über Steintreppen durch einen Wald steil in die Bucht. Übrigens muß hier fast überall für die Strände Eintritt gezahlt werden. Wäre ja in Ordnung, wenn nur ein bisschen ersichtlich wäre, wofür das Geld verwendet wird. Für die Pflege jedenfalls nicht. Ob das in der Hauptsaison anders ist, wage ich zu bezweifeln.
Die steilen Stufen führen zum Strand selbst, eine Abzweigung zu einem kleinen, steil am Berg hängenden Örtchen, das nicht als Wohnort dient, sondern nur Läden, Restaurants und Surfshops beherbergt. Aber die kleinen Gassen sind so gar nicht gepflegt, die Mauern und Stufen bröckeln, es ist kaum etwas frisch gestrichen, die Beton-Wege sind Stolperfallen. Alle Ladenbesitzer versuchen die Passanten in ihren Laden zu locken, zu ihrem fast deckungsgleichen Warenangebot vom Bikinis, Sarongs, T-Shirts bis hin zu Schmuck und Schnitzereien. Das Ganze wäre nervend, wenn die Ansprache nicht so nett und liebenswert wäre. Nie ein beleidigtes Gesicht, wenn wieder nichts verkauft wird. Immer ein nettes Lächeln.
Wir klettern bis in die oberste Gasse wegen des tollen Ausblicks. Die Wellen schlagen am linken Ende des Strandes an eine riesige Felsenwand, die Wellenkämme scheinen endlos lang über den Strand zu rollen, dafür ist dieser Strand ja bekannt. Wohl der berühmteste Surferstrand – eben deshalb.
Allerdings kann man die Aussicht auf das Meer von den zahlreichen kleinen Bars und Restaurants nicht so richtig genießen, weil man zunächst einmal über die hässlichen und zum Teil kaputten Dächer dieses Standortes hinwegblickt. Ansonsten ist die Gegend wirklich spektakulär, wenn da nicht wieder der Müll wäre …
Schweißüberströmt kommen wir wieder oben am Strandeingang an. Weiter geht die Fahrt. Auf unserer Agenda steht ein berühmter Tempel: Pura Luhur Uluwatu, ein Hindutempel, der direkt auf der Steilküste steht – ein Magnet für Touristen und einheimische Besucher gleichermaßen. Als erstes müssen wir vor dem Betreten der ausgedehnten Tempelanlage einen Sarong anlegen, denn sonst dürfen wir den heiligen Ort nicht betreten.
Was mir wenig gefällt, ist, dass es hier diese frechen Langschwanz-Makaken gibt, die für ihre Frechheit und ihre Überfälle bekannt sind. Ich verstecke mein Mobil Phone unter dem Sarong, setze meine Brille ab. Die Viecher sehen ganz süß aus, vorallem die jungen und die Babies, von denen es hier jede Menge gibt.
Die Aussicht vom Rand dieser Steilküste auf die alten Tempelanlagen mit diesen ganz eigenen Mauern, Ornamenten, Götzen und Götterfiguren auf dem Plateau ist wunderschön.
Plötzlich bekomme ich einen Schlag in den Rücken! Etwas kreischt an meinem Ohr und zerrt an meiner Kleidung. Ehe ich begreife, wie mit geschieht, ist es auch schon zu spät: Ein Affe ist mir ins Kreuz gesprungen und hat mir das Handy unter dem Sarong hervorgezerrt, das ich an einer festen Kordel trage. Mit einem Ruck ist das Handy weg und der Affe springt über die Mauer an der Steilwand und ich kann nur noch zuschauen, wie das Biest innerhalb von Sekunden das Telefon fachgerecht zerlegt und auf den Innereien rumkaut, die Teile wegwirft. Ich habe wie am Spieß geschrien, aber es war zu spät.
Ein Mann ist losgelaufen und kommt mit einer alten Frau zurück, die irgendwelche Reiskuchen aus ihrer Tasche zerrt und sie dem Affen hinhält. Der schmeißt die zerfledderten Einzelteile weg Richtung Abgrund. Inzwischen ist Miki bei mir angekommen, hat gesehen was passiert ist und klettert wagemutig über die Mauer, auf der Suche nach den Resten des Handys. Ich bin nur noch in Panik: Wegen meines neuen Phones, wegen der Angst, dass Miki bei der Aktion abstürzt, wegen des Riesenschrecks.
Eine Frau tröstet mich und sagt, ich solle froh sein, dass mich das Vieh nicht gebissen hat. Sie habe Fotos (von einem anderen Ort) gesehen, nachdem Touristen ins Gesicht gebissen wurden. Ich solle mich freuen, dass es nur das Handy sei. Das kommt an, langsam akzeptiere ich, dass ich verdammtes Pech, aber noch mehr Glück hatte. Übrigens zeigen etliche Überreste von Handys und Sonnenbrillen jenseits der Mauer, dass ich kein Einzelfall bin …
Meine Laune ist im Keller, aber ich versuche mich damit abzufinden und weiterzumachen, mich nicht in die Wut hineinzusteigern. Wir gönnen und eine kalte Kokosnuss und schwingen uns wieder auf das Motorrad. Glücklich ist, wer vergisst …
Letzter Ort unserer Sightseeing Tour ist der Nyang Nyang Strand. Der hat mir auf Fotos besonders gefallen, sah ziemlich idyllisch aus und ich hoffe, er enttäuscht nicht wieder mit Müllmassen. Eine halbe Stunde später fahren wir eine halsbrecherisch steile Straße von einem Hochplateau hinunter Richtung Meer. Ich gestehe, ich habe gelegentlich die Augen zugemacht. Aber irgendwie scheinen das alle nicht weiter beängstigend zu finden. Ob Touristen oder Einheimische, alle düsen auf den Bikes die steilen Kurven zum Meer hinunter.
Nyang Nyang Beach ist ein langer schmaler feiner Sandtrand, der sich an der Steilküste entlangschlängelt und der wirklich sehr schön aussieht. Allerdings ist der Meeresboden mit großen Steinen und Felsbrocken bedeckt, was das Baden bei der Brandung zum Balance-Akt macht. Ich versuche immer noch mich in Fatalismus zu üben und etwas zu entspannen. Nyang Nyang Beach ist nicht gerade ein Geheimtipp, ist in allen Reiseführern zu finden – aber die Strandbesucher-Zahl hält sich in erträglichen Grenzen. Und Sauftouristen kommen hier schon wegen der speziellen Anfahrt nicht her.
Den Abend verbringen wir bei einem guten Essen so entspannt wie möglich nach diesem Tag auf der Terrasse unseres schönen Guesthouse. Da das Zimmer sehr angenehm ist und wir nach der vielen Reiserei etwas Entschleunigungsprogramm brauchen, haben wir unseren Aufenthalt auf drei Nächte ausgedehnt, bevor wir Richtung Norden weiterfahren werden, Richtung Denpassar.
Njang Njang Beach #
Pantai Bingin
Ab auf die Insel! Keine Fähre? Egal, hier geht immer irgendwas. Fast immer. Die Geschäftsführerin des Guesthouses hat mich schon angeschrieben und mir Hilfe angeboten, aber das ist gar nicht mehr nötig, der nette Mensch an der Rezeption des Hotels hatte auch schon ein Ass im Ärmel oder -genau gesagt – einen Taxifahrer bei der Hand, der auch gleich noch die Connection zu einem Boot auf Bunaken hat, das uns abholen kann.
Wegen der extremen Ebbe kann das Boot aber nur außerhalb von Manado an einen Anleger. Die Fahrt geht durch saftiges Grün, einen schönen Wald und ein paar kleine Ortschaften nach Mangrove Park Bahowo, zum Strand. Ein mehr als hundert Meter langer Steg führt ins Meer hinaus, das sich aber gerade als knietief unter Wasser stehendes Watt präsentiert. Noch hinter dem Ende des Stegs liegt eins dieser typischen langen Motorboote mit den traditionellen Auslegern vor Anker: unser Wassertaxi. Bis dahin müssen wir samt Gepäck noch eine längere Wattwanderung absolvieren. Der Käptn holt unsere Taschen ab, aber die Rucksäcke bleiben uns. Zum Glück ist das verbliebene Wasser glasklar hellblau, so dass man Steine und Seesterne in allen Farben klar sieht, auf die man natürlich besser nicht treten sollte.
Aber alles wird gut, wir erreichen mit nassen Beinen und hochgekrempelten Shorts, aber ansonsten trocken und unverletzt das Boot. Die Sonne knallt auf das hellblau strahlende Wasser. Direkt gegenüber der Küstenlinie von Manado liegt als langgestreckter grüner Hügel Pulau Bunaken (die Insel Bunaken, wie sie auf Indonesischen korrekt heißt). Zum gleichnamigen, 750 Quadratkilometer großen Nationalpark Bunaken gehören noch vier weitere Inseln: Manado Tua, Siladen, Montehage und Nain. Bunaken ist die Hauptinsel, auf der 900 Menschen leben. Das Hauptdorf liegt an der Südküste, direkt gegenüber von Manado.
Am Hafen von Bunaken, der durch ein ungewöhnlich großes Spitzdachgebäude auffällt, können wir ebenfalls gerade nicht anlegen, da das Wasser sich auch hier weit zurückgezogen hat. Das Watt liegt blank. Unser Käptn fährt uns mit viel Geschick im Zeitlupentempo zum daneben liegenden Strand, soweit es eben geht. Schuhe aus, rein ins wadentiefe Hellblau. Vorsichtig über Korallen und Steine balancierend betreten wir, von ein paar Fischen willkommengeheißen, die Insel. Zum Glück schleppt der nette Mann wieder unsere Taschen, gar nicht so leicht bei dem Untergrund …
Direkt neben dem Hafen am Strand liegt unser Guesthouse 4 Sisters. Zum Wasser hin ist die Terasse offen, auf ein paar Liegen haben es sich die Männer vom dazugehörigen Dive Center bequem gemacht, denn die morgendlichen Tauchgänge sind vorbei und überhaupt – alles läuft unter dem Motto „Nebensaison, Rain Season“ auf Sparflamme. Wir bekommen zunächst ein kleines dunkles Zimmer ohne Ausblick. Es gelingt uns, wenigstens ins Nebenzimmer mit einem kleinen Tageslicht-Fenster zum Nebendach umzuziehen. Diese „Winzzimmer“ ohne viel Licht sind für uns schon gewöhnungsbedürftig.
Die untere Etage besteht aus einem großen, zum Meer hin offenen Raum ohne Fassade. Er beherbergt das Tauchcenter mit allen Geräten, das Restaurant, die Rezeption – und zur Zeit eine Baustelle, wo eine neue Küche gebaut wird. Aber die Ober-Sister entschuldigt sich so nonchalant für die Baustelle, dass man nicht böse sein kann. Immerhin bietet sie uns an, uns die Mahlzeiten in der oberen Etage, deren drei Zimmer auf eine offene Veranda führen, an einem Extra-Tisch an der Balustrade mit Blick aufs Meer zu servieren. Ist doch was!
Ich entschuldige mich für meine weitschweifige Erzählung, aber ich muss das so erzählen, weil es etwas über diese Insel und das Leben hier erzählt. In Deutschland undenkbar, hier ganz normal. Und dabei so nett und entspannt, dass man sich nicht aufregt.
Die sechs Tage, die wir auf der kleinen Insel verbringen, sind das Entschleunigungsprogramm nach der vielen Reiserei der letzten Wochen. Hier geht das Leben in slow motion, irgendwie ist die Zeit hier stehengeblieben, zumindest, was den Lebensstil der Einwohner und auch das Inselleben der Besucher in der Nebensaison betrifft. Und es tut so gut!
Einzige feste Tagesordnungspunkte sind für mich meine täglichen Tauchgänge am Vormittag und ein einmaliger Nachttauchgang. Sonst reicht es gerade noch für kleine Spaziergänge ans andere Ende des Dorfes zum Kaffeetrinken oder Mittagessen … oder drei Häuser weiter ins kleine Café zum Blog-Schreiben mit Blick auf Meer. Das Essen ist einfach und bodenständig, aber frisch gekocht. Keine importierten Zutaten, keine Cocktails, kein Wein, keine Eisbecher.
Die meisten Einwohner sind Christen, nur ein kleiner Teil ist muslimisch. Die Kirche und die Moschee sind dann auch die einzigen größeren Bauwerke hier.
Das Leben ist beschaulich: Erwachsene, Kinder, Katzen, Hunde, Ziegen, Lämmer, Hühner und Enten leben friedlich miteinander. Einzige Fortbewegungsmittel: Füße, Fahrräder (kaum) und Motorräder (viel und von allen Altersklassen gefahren). Ein Nachtleben gibt es hier gar nicht. Es sei denn, man gestaltet es selbst. Und das tun hier einige, vor allem junge Männer. Immer wieder hört man es abends irgendwo: Mit Gitarre, Bongo, selbstgebautem Kontrabass und viel Herzblut vorgetragene Hits aus fünf Jahrzehnten, gemeinsam gesungen. Jeder, der vorbeikommt, ist herzlich eingeladen, mitzumachen. Gelegentlich kursiert sogar eine kleine Flasche Arrak.
Es gibt viele Guesthouses, die in dieser Zeit zum Glück nur wenig ausgelastet sind. Die Touristen sind vorallem Deutsche, Franzosen, Skandinavier, Belgier und Chinesen, die allerdings immer unter sich bleiben. Dazu kommen Tauchschulen, ein paar Restaurants und eine Schule. Eine Handvoll Miniläden bieten das Allernötigste.
Im vorderen Teil des Dorfes leben die Christen, im kleinen hinteren Teil hat sich die muslimische Gemeinde zusammengezogen. Lustig ist der sehr dezente Muezzin der Insel: Ich bin sicher, der wäre lieber Opersänger oder würde gern Schubert singen, denn so ähnlich klingt sein Gesang!
Schon nach zwei Tagen kennen uns die meisten Insulaner in der Nachbarschaft . Ehrfurchtvoll und herzlich werden wir immer als Mama und Papa angesprochen, oder auch Grandpa und Grandma, das ist hier die respektvolle Anrede für Menschen unseren Alters. Ältere Menschen haben Respekt verdient, das ist selbstverständlich und in keiner Weise herablassend. Habe ich am ersten Morgen noch Sorge, dass die „vielen“ Tage hier vielleicht langweilig werden könnten, ist dieser Gedanke ganz schnell verschwunden – es ist einfach nur alles herrlich entschleunigt und unaufgeregt. In der Saison möchte ich allerdings nicht hier sein!
Doch auch dieses Paradies hat seine dunkle Seite. Und die heißt (auch) hier: Müll, vor allem Plastikmüll!! An den Stränden vor allem. Das Meer schwemmt ihn tonnenweise an und auch hier gibt es natürlich keinerlei Entsorgung. Die Leute in ganz Indonesien verbrennen Plastikmüll neben ihren Häusern. Müllabfuhr habe ich nur in großen Städten gesehen. Jeder Liter Trinkwasser für Bunaken muss vom Festland auf die Insel gebracht werden – in Plastikflaschen. Jedes Erfrischungsgetränk – in Plastik-, Einweg oder Glasflaschen. Ein Pfandsystem gibt es nicht. Selbst aus Australien wird hier noch Müll angeschwemmt. Es ist schrecklich anzusehen … und kaum in den Griff zu kriegen. Wirklich einfach nur furchtbar.
Meine große Passion, das Tauchen, lebe ich hier in vollen Zügen aus: Ich habe meinen Guide mit dem lustigen Namen Fanly für mich allein. Ich kann mich nicht erinnern, so viele schöne Korallen-Wände an einem Ort gesehen zu haben, so viele Schildkröten jeder Größe um mich herum gehabt zu haben … ich höre ja schon auf.
Das einzige, was nicht geklappt hat, war unsere Delphin-Tour. Zwischen Bunaken und Siladen gibt es eine „Straße“, wo sie täglich durchziehen. Aber an unserem Ausflugstag war das Wetter sehr schlecht, und die Delphine hatten wohl keine Lust. Die ließen nur herzlich grüßen.
Ein Detail zum hiesigen Aufenthalt, mit dem ich nie gerechnet hätte, möchte ich noch erwähnen. Wir haben auf Bunaken das beste indonesische Essen je gegessen! Eine der Schwestern des 4Sisters ist die Köchin. Wir haben uns auf jedes Essen schon vorher gefreut! Ganz einfache Gerichte mit Fisch, Huhn, Kräutern, Obst und Gemüse von der Insel und Tofu und Tempé – die indonesischen Veggies. Sooo lecker alles, so gut gewürzt!
Und noch eine kleine, sehr persönliche Geschichte: An meinem Geburtstag erwischt mich die Guesthouse-Familie – halbnackt morgens um sieben beim Frühsport auf der Terrasse – mit Torte und einem Ständchen… Nachmittags, bei der kalten grünen Kokosnuss zum Blog schreiben im Café um die Ecke: noch ein Ständchen von dieser Familie mit Kerze und geschnittener Ananas statt Torte! Da kann man doch nicht anders als gerührt zu sein, oder?
Noch 62 km bleiben uns bei unserer Süd-Nord-Reise auf Sulawesi bis Manado, nach der hiesigen Durchschnittsgeschwindigkeit sind das zwei Stunden Fahrzeit mit dem Auto. Schneller geht es nicht und seltsamerweise erscheint einem die Geschwindigkeit hier immer höher als sie tatsächlich ist. Das liegt wohl an den Straßenverhältnissen und endlosen Kurven.
Manado ist die zweite Metropole dieser riesigen Insel, die Konkurrenz zu Makassar. Die Affen geben noch eine Abschiedsvorstellung, sie stürmen plötzlich in großer Zahl aus dem Dschungel hinter unserem Guesthouse um die Straße zu überqueren und auf der anderen Seite wieder in den Wald einzutauchen. Zum Glück steht gerade kein Essen auf dem Tisch .
In Manado haben wir für eine Nacht ein Hotelzimmer, da wir mit der einzigen öffentlichen Fähre am nächsten Mittag auf die Insel Bunaken fahren wollen. Das Zimmer im Istanaku-Hotel ist modern und blitzsauber, aber so klein, dass wir mit Mühe unser Gepäck vor und neben das Bett quetschen können, aneinander vorbeigehen fällt aus – egal, zum Schlafen reicht es.
Wir machen uns auf einen Erkundungsspaziergang Richtung Meer. Die Bürgersteige sind auch hier nur streckenweise begehbar, aber die Autofahrer sind Fußgänger auf der Fahrbahn gewöhnt. Es brummt der Verkehr, Autos und mehrere Motorräder nebeneinander, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, dazwischen erreichen Fußgänger – erstaunlicherweise unverletzt – die andere Straßenseite. Trotzdem wirkt der Verkehr hier auf mich nicht ganz so extrem wie in Makassar.
Manado ist überwiegend christlich, auch hier wieder die kategorische Variante. Will sagen, die Christen hier sind ein anderes Kaliber als die Christen in Europa. Trotzdem ist das erste Gotteshaus, das wir passieren, eine große Moschee. Und prompt erschallt auch schon der sehr laute Ruf des Muezzin, als wir direkt davor stehen.
Von den Hauptstraßen führen Nebenstraßen mit einer Art Einfahrtstor in einzelne Nachbarschaften – oder Wohnviertel, wenn man so will. Die sehen eigentlich überwiegend ganz beschaulich aus, im Gegensatz zu den Hauptstraßen. Trotz des rauschenden Verkehrs wirkt alles entspannter als in Makassar.
Je näher wir der Küste kommen, desto mehr Restaurants und Geschäfte passieren wir, manche neu, die meisten aber eher verfallen. Und dann kommt auch schon die erste große Kirche. Weiß, groß, mit Plakatwänden davor. Weitere folgen. Vor jeder Kirche steht genau wie sie heißt, welcher Glaubensrichtung sie angehört.
Im Viertel, das dem Meer am nächsten liegt, sind viele Unternehmen, Handelshäuser und zwei supermoderne Malls angesiedelt. Eine sechsspurige Straße – kurz vor dem Verkehrs-Kollaps – macht das Überqueren zum beängstigenden Abenteuer. Hier gibt es keine Wohnhäuser mehr – alles Business: Versicherungen, Autohäuser, Geschäfte, Kliniken, Kirchen, Malls, Banken … modern, aber auch schon wieder teilweise dem Verrotten, dem Abriss und vorallem dem schwarzen Schimmel ausgeliefert, der hier überall alles und jedes erobert.
Es hat zu regnen begonnen, wir beschließen, in die Mega Mall Manado abzutauchen. Alles Hochglanz, nur Marken-Stores, alles ziemlich langweilig – bis auf die Aufführung einer Schule (?) zum chinesischen Neujahr in Foyer. Immer zwei junge Menschen stecken in einem farbenfrohen Drachenkostüm mit viel Rot und Gold und einem riesigen Kopf. Sie führen zum durchdringenden Klang von Trommeln und Schellen verrückte traditionelle Tänze auf, die wirklich toll sind, wenn man bedenkt, dass der hintere Darsteller völlig blind und gebückt unter dem Kostüm steckt und nicht nur auf die Musik, sondern auf alles harmonisch reagieren muss, was der im Kopf versteckte Mitschüler veranstaltet. Und der tanzt nicht nur, sondern macht auch seine Späßchen mit Kindern und Kunden am Rande. Wirklich nett!
Wir nehmen noch einen kleinen Imbiss und verschwinden wieder. Draußen nieselt es immer noch etwas. Wir laufen die Straße am Meer entlang. Wieder viel schwarzer Schimmel, viele kleine offene Restaurants, die bei diesem Wetter wenig einladend sind. Auf der Landseite der Straße hässliche große Bauten, Ruinen, Baustellen, Firmen, ein chinesischer Tempel, zwei Kirchen und – eine Synagoge. Alles vertreten.
Das Wetter ist wirklich scheußlich und so kehren wir auch noch in die Manado Town Mall ein, die noch größer, aber genauso langweilig ist wie die erste. Aber wir haben gehört, man könne dort auf einer überdachten Terrasse mit Blick aufs Meer essen. Gefühlte 10 km Mall-Gänge weiter finden wir den besagten Foodcourt und essen zu Abend … mit Blick auf´s graue Meer.
Am nächsten Morgen mache ich allein einen Spaziergang durch die angrenzenden Viertel, da mein Mitreisender Probleme mit dem Fuß hat. Der kleine Spaziergang ist unspektakuär, aber vermittelt mir – nun auch wieder bei schönem Wetter – ein gutes Gefühl. Für Sulawesi ungewöhnlich nette Einfamilienhäuser, einfache Wellblechhäuschen, eine kleine Schule, ein paar kleine Läden und sogar Gärten … von allem etwas. Am meisten verblüfft die beschauliche Ruhe angesichts des Verkehrs rundherum. Die Atmosphäre der Stadt gefällt mir.
Als ich mich auf den Rückweg mache, bauen gerade einige „Fress-Stände“ am Ende einer kleinen Straße für den Tag auf. Ich lasse mich hinreißen, von einem sehr liebenswerten alten Mann ein paar dampfende, fleischgefüllte Hefeklöße für die Fahrt zu kaufen, am Nachbarstand wird mir flugs eine reife Mango und eine zuckersüße halbe Ananas essfertig zurechtgeschnippelt.
Gern hätte ich noch ein bisschen mehr von der Stadtluft hier geschnuppert, auch eine richtige Chinatown gibt es hier – aber es bleibt keine Zeit mehr, auf geht es nach Bunaken. Allerdings anders als geplant: Eher zufällig erfahren wir an der Rezeption des Hotels, dass an diesem und den nächsten Tagen die public ferry, die öffentliche Fähre nach Bunaken nicht fährt. Warum weiß keiner, wird auch nicht publiziert. Aber das regt hier keinen auf. Irgendwie geht es auch ohne weiter: Die privaten Taxiunternehmen, Schulter an Schulter mit Motorbootbesitzern stehen bereit. Es gibt immer einen Weg – egal wohin. In Indonesien gehört Chaos zum Leben, hier wohnen die Meister der Improvisation. Anything goes …























